Allogene Stammzelltransplantation1-8

Eine Stammzelltransplantation ist zurzeit die einzige Chance, die Beta-Thalassämie zu heilen. Sie kommt jedoch aufgrund der Schwere des Eingriffs in der Regel nur für Patienten unter 16 Jahre mit einer Beta-Thalassämie major in Frage. Bei der Behandlung entnehmen Ärzte Stammzellen aus dem Blut oder dem Knochenmark eines gesunden Spenders und verabreichen sie dem Betroffenen mit Hilfe einer Spritze oder Infusion. Die neuen Blutstammzellen wandern aus dem Blut selbständig in das Knochenmark ein, siedeln sich hier an und beginnen nach einiger Zeit, gesunde Blutzellen zu bilden.

Woher kommen die Blutstammzellen, die übertragen werden?

Bei der Beta-Thalassämie führen die Ärzte eine sogenannte allogene Stammzelltransplantation durch. Dabei kommen die gesunden Blutstammzellen von einem anderen Menschen, beispielsweise einem Verwandten, in manchen Fällen aber auch von vollkommen fremden Personen. Entscheidend für den Erfolg der Transplantation ist, dass wichtige Gewebemerkmale, die sogenannten Humanen Leukozyten-Antigene (HLA), zwischen Spender und Empfänger übereinstimmen. Denn aus den Blutstammzellen des Spenders entwickeln sich im Empfänger auch die neuen Abwehrzellen des Immunsystems. Stimmen die Gewebemerkmale des Empfängers nicht gut genug mit denen des Spenders überein, erkennen die neuen Abwehrzellen die Gewebe des Empfängers als „fremd“ – also potenziell gefährlich – und greifen diese an. Um dies zu verhindern, werden die HLA von Empfänger und Spender vor der Transplantation mit Hilfe einer Blutuntersuchung bestimmt und miteinander verglichen. Je höher die Übereinstimmung, desto besser sind die Chancen, dass die Transplantation erfolgreich verläuft.

Warum ist eine Stammzelltransplantation nicht für jeden Patienten geeignet?

Eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Stammzelltransplantation ist zunächst, dass ein geeigneter Spender zur Verfügung steht. Dies kann die Durchführbarkeit des Eingriffs bei manchen Patienten einschränken oder zu Wartezeiten führen. Zudem müssen vor der Transplantation alle körpereigenen Blutstammzellen im Knochenmark komplett zerstört werden. Deshalb ist als Vorbereitung auf die eigentliche Transplantation eine intensive Chemo- oder Strahlentherapie erforderlich. Dabei werden alle blutbildenden Zellen im Knochenmark abgetötet, aber auch die gesunden Körperzellen bleiben nicht unversehrt. Eine intensive Chemotherapie kann deshalb zahlreiche Nebenwirkungen haben und stellt für den Organismus eine große Belastung dar. Aus diesem Grund ist eine Stammzelltransplantation für Beta-Thalassämie-Patienten in einem schlechten Allgemeinzustand oder mit bereits bestehenden Organschäden oft nicht geeignet.

Ärzte führen eine Stammzelltransplantation deshalb überwiegend bei Patienten im Kindesalter durch. Bei älteren Patienten liegen häufig schon Organschäden vor, die den Erfolg der Transplantation gefährden. Grundsätzlich überwiegen für Patienten mit einer Beta-Thalassämie minor, aber auch für die meisten Patienten mit einer Beta-Thalassämie intermedia die Risiken einer Stammzelltransplantation deren Nutzen. Auch bei Patienten mit einer Thalassämie major müssen die Ärzte vor der Entscheidung für oder gegen eine Stammzelltransplantation die gesundheitlichen Risiken des Eingriffs sorgfältig gegen die Risiken einer langfristigen Transfusionsbehandlung abwägen. Zu den Risiken regelmäßiger Bluttransfusionen zählen vor allem eine Eisenüberladung, aber auch Abstoßungsreaktionen der übertragenen Blutzellen gegen die körpereigenen roten Blutkörperchen.

Abb. 1: Gründe für und gegen eine allogene Stammzelltransplantation9

Wie verläuft eine Stammzelltransplantation für den Empfänger?

Sobald ein geeigneter Spender gefunden wurde und genügend Stammzellen aus dessen Blut oder Knochenmark entnommen wurden, beginnt für den Empfänger die vorbereitende Chemo- oder Strahlentherapie, die die körpereigenen Blutstammzellen zerstört. Um den Nebenwirkungen dieser intensiven Chemotherapie möglichst gut vorzubeugen, erhalten die Patienten in dieser Zeit zahlreiche unterstützende Medikamente. Ist diese Therapie erfolgreich abgeschlossen, werden die Blutstammzellen des Spenders entweder mittels einer Infusion oder Injektion über eine Vene in den Blutkreislauf des Patienten gebracht. Die Blutstammzellen können im Laufe von ein bis zwei Tagen aus dem Blutkreislauf in das Knochenmark wandern und sich dort ansiedeln. Schon nach etwa zwei bis drei Wochen sind im Blut die ersten reifen weißen Blutkörperchen nachweisbar, die aus den neuen Blutstammzellen entstanden sind.

Welche Risiken hat eine Stammzelltransplantation?

Bei der allogenen Stammzelltransplantation erhält der Organismus gewissermaßen ein neues Immunsystem, denn Abwehrzellen gehen grundsätzlich aus den Blutstammzellen des Spenders hervor. Stimmen die Gewebemerkmale zwischen Empfänger- und Spenderzellen nicht gut genug überein, wird sich das neue Immunsystem gegen das körpereigene Gewebe des Patienten richten. Ärzte sprechen in diesem Zusammenhang auch von einer Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion (englisch: Graft-versus-Host-Disease, GvHD). Dadurch kann es zu schwerwiegenden, teilweise lebensgefährlichen Nebenwirkungen kommen.

Eine andere wichtige Nebenwirkung der Stammzelltransplantation bzw. der vorangegangenen Chemotherapie ist eine extrem hohe Infektanfälligkeit: Nach der Zerstörung der Blutstammzellen ist der Körper vorübergehend nicht mehr in der Lage, neue Blutzellen und damit auch die für die Immunabwehr zuständigen weißen Blutkörperchen zu bilden. Insgesamt dauert es nach der Stammzelltransplantation etwa zwei bis drei Wochen, bis die ersten weißen Blutkörperchen im Knochenmark herangereift sind und sich die Immunabwehr langsam wieder aufbaut.

Stammzelltransplantation – und dann?

Auch wenn die eigentliche Stammzellspende ein kleiner Eingriff ist, hat diese sehr langfristige Auswirkung auf das Leben der Betroffenen. Zunächst zieht die Stammzelltransplantation unausweichlich einen langen Krankenhausaufenthalt nach sich. Dies liegt unter anderem an den zahlreichen Behandlungen und Untersuchungen, die in dieser Zeit notwendig sind. Vor allem erfordert aber die vollständige Zerstörung der blutbildenden Zellen erhebliche Schutzvorkehrungen, denn sie bringt die Immunabwehr für einige Zeit nahezu vollständig zum Erliegen. In den ersten Wochen nach dem Eingriff ist der Patient deshalb auf einer Isolierstation in einem speziellen, keimfreien Krankenzimmer untergebracht, um ihn bestmöglich vor Krankheitserregern zu schützen, die in dieser Zeit lebensbedrohlich werden könnten. Selbstverständlich können Eltern auch in dieser Zeit bei ihrem Kind sein und ihm beistehen. Sie müssen dafür aber spezielle Hygienevorschriften einhalten (zum Beispiel Schutzkleidung und Desinfektion der Hände).

Die Zeit auf der Isolierstation ist für Kind und Eltern oft sehr belastend. Nicht selten kommt es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu Infektionen. Zudem leiden viele Kinder aufgrund der Nachwirkungen der Chemotherapie an Übelkeit und schmerzhaften Wunden an der Mundschleimhaut. Doch schon nach etwa zwei Wochen werden Sie feststellen, dass sich der Zustand Ihres Kindes zunehmend verbessert. Oftmals ist dies auch ein erstes und ermutigendes Anzeichen für den Erfolg der Transplantation, denn die neuen Immunzellen beginnen nun, ihren Dienst zu verrichten.

Wenn sich die Blutwerte und insbesondere die für die Immunabwehr zuständigen Leukozyten ausreichend stabilisiert haben, darf der Patient sein Zimmer auf der Isolierstation wieder verlassen. Dies ist in der Regel nach etwa vier Wochen der Fall. Bis das Immunsystem vollständig intakt ist, dauert es allerdings bis zu einem Jahr. Auch nach dem Krankenhausaufenthalt ist es deshalb noch für längere Zeit wichtig, bestimmte Empfehlungen und Verhaltensweisen einzuhalten. Beispielsweise sollten Sie:

  • Zimmerpflanzen aus dem Wohn- und Kinderzimmer entfernen, da die Erde Pilzsporen enthalten kann;
  • engen Kontakt zu Haustieren vorübergehend verhindern (beispielsweise nicht „küssen“ und ablecken lassen) und Ihr Kind dazu anhalten, sich nach jedem Kontakt gründlich die Hände zu waschen;
  • großen Menschenansammlungen mit Ihrem Kind zusammen so weit wie möglich aus dem Weg gehen (beispielsweise überfüllte öffentliche Verkehrsmittel meiden).

Nach etwa einem Jahr hat sich das Immunsystem Ihres Kindes normalerweise so weit erholt, dass es wieder ein normales Leben führen kann.