Erythrozyten-Reifungs-Aktivator

Die chronische Anämie (Blutarmut) bei Patienten mit Beta-Thalassämie ist die Folge einer ineffektiven Erythropoese, das heißt einer Störung in der Bildung roter Blutkörperchen (Erythrozyten). Im Knochenmark werden zwar viele Vorstufen von Erythrozyten gebildet, doch diese können nicht zu funktionstüchtigen Erythrozyten ausreifen. Eine der Ursachen für den Defekt in der Erythrozyten-Reifung sind bestimmte Proteine, sogenannte Liganden der TGF-β-Superfamilie. Diese kommen im Menschen natürlich vor und wirken überwiegend in der späten Phase der Erythropoese (Ausreifungsphase) hemmend auf die Ausreifung von roten Blutkörperchen. Beim Gesunden werden TGF-β-Liganden in der späten Phase der Erythropoese abgebaut, so dass Vorläuferzellen zu roten Blutkörperchen ausreifen können. Bei Patienten mit MDS und Beta-Thalassämie ist dies nicht der Fall. Das Level der TGF-β-Liganden ist erhöht und die Erythropoese ineffizient.

Bestimmte transfusionsabhängige Beta-Thalassämie-Patienten können mit einem Wirkstoff, der als Erythrozyten-Reifungs-Aktivator (ERA) bezeichnet wird, behandelt werden. Der ERA hat das Potenzial, die ineffektive Erythropoese effektiv zu aktivieren. Der ERA bindet TGF-β-Liganden und hebt deren hemmenden Effekt auf die Erythrozyten-Reifung auf.

  • Den Prozess der Bildung roter Blutkörperchen (Erythrozyten) nennt man Erythropoese.
    Bei der Erythropoese reifen Blutstammzellen schrittweise über Vorläuferzellen zu funktionstüchtigen roten Blutkörperchen heran.

  • Die Erythropoese lässt sich konzeptionell in eine frühe Wachstumsphase und eine späte Reifungsphase unterteilen.

  • In der Wachstumsphase stimuliert das Nierenhormon Erythropoetin (EPO) das Wachstum und die Vermehrung der Vorläuferzellen.

  • Die Reifungsphase wird von gewissen negativen Reifungsfaktoren, sogenannten Liganden der TGF beta Superfamilie reguliert. Sie signalisieren den Vorläuferzellen, dass sie nicht ausreifen sollen.

  • Unter normalen Bedingungen werden die negativen Reifungsfaktoren zum Ende der Ausreifungsphase Stück für Stück abgebaut, damit die Blutbildung vollständig ablaufen kann und funktionstüchtige rote Blutkörperchen ausreifen.

  • Bei Beta-Thalassämie wurden vermehrt negative Reifungsfaktoren festgestellt.
    Sie werden in der Ausreifungsphase nicht abgebaut und verhindern somit die Ausreifung der roten Blutkörperchen.
    Die Folge ist eine Anämie, also ein Mangel an reifen und funktionstüchtigen roten Blutkörperchen.

  • Der Körper versucht die Blutbildung durch eine Erhöhung des Hormons Erythropoetin (EPO) zu fördern.
    EPO stimuliert aber nur eine größere Ansammlung von Vorläuferzellen, ohne den Defekt in der Reifungsphase zu beheben.

  • In der Folge entstehen immer mehr unreife Vorläuferzellen und immer weniger gesunde und funktionstüchtige rote Blutkörperchen.

  • Ein Wirkstoff, den man Erythrozyten-Reifungs-Aktivator nennt, fängt die negativen Reifungsfaktoren und fördert so die Erythrozyten-Reifung, also die Reifung der roten Blutkörperchen.

  • So kann der Körper wieder vermehrt funktionsfähige rote Blutkörperchen herstellen.

Die Behandlung mit ERA stellt keinen Ersatz für Bluttransfusionen in Kombination mit einer Eisenchelat-Therapie dar. Allerdings kann sie eine Reduktion der Transfusionen und Eisenchelat-Therapie bis hin zu einer Transfusionsunabhängigkeit ermöglichen. Für die Patienten kann dies eine spürbare Erleichterung des Managements ihrer Erkrankung bedeuten.